Schokofahrt

emissionsfrei transportierte Schokolade

Städtebericht: Krefeld

Dieser Bericht erschien zuerst auf Kerstins Blog Radlergeschichten

Es begann wie so oft mit einem Artikel in der RaN. Im Frühjahr waren ADFCler aus Mönchengladbach nach Amsterdam geradelt, um Segelschiffschokolade abzuholen. Neugierig geworden erkundigte ich mich bei Dirk und beschloß, da wollte ich im Herbst auch mitmachen.

Kaum hatte ich im Freundeskreis davon erzählt, standen auch schon zwei Mitradlerinnen parat, Ilona und Annelie fanden die Idee genau so toll : Wir holen in Amsterdam Schokolade ab, die aus ganz besonderen Bohnen hergestellt wurde.

Und so fanden sich am Samstag 06.10.2018 über 100 Radler aus ganz Deutschland im Hinterhof der Manufaktur ein und luden 12.000 Tafeln Schokolade in Packtaschen und Kisten auf Lastenräder und normale Drahtesel.

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Reinhard war den Duisburger Schokofahrern zu Hilfe gekommen und machte seine ersten Erfahrungen mit einem Lastenrad.

schoko4-03 Duisburger Trupp 1 - Foto von Jörg Walther-Wystrychowski.jpg
©Jörg Walther-Wystrychowski, ADFC Duisburg

Annelie, Ilona und Kerstin hatten sich auf Grund der relativ geringen Bestellmenge mit ihren normalen Rädern auf den Weg gemacht. Insgesamt 31 kg sollten sich auch so verteilen lassen …

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Der Karton war so nicht geplant gewesen, aber wir sind ja flexibel und das Wetter war gut zu uns. Fast immer strahlender Sonnenschein, kaum Wind und kein Tröpfchen Regen, da fielen die paar Kilos kaum auf.

Aber der Reihe nach.

Reinhard fuhr mit den Duisburgern die sportlich-kostengünstige Variante. Das hieß, die vier Jungs radelten bereits am Feiertag-Mittwoch los, zelteten über Nacht und kamen Donnerstag Abend in Amsterdam an. Dort gönnten sie sich einen freien Tag in dieser tollen Stadt, wo man sich besser schon vorher überlegt hat, was man machen will.

Samstag Morgen standen sie pünktlich bei den Chocolatemakers auf dem Hof, luden ihre Ware auf und radelten Richtung Heimat. Abends auf dem Zeltplatz kochen sie wieder selbst. Sonntag morgen wartete man dann mal nicht bis die Zelte trocken waren, sondern packte zügig ein und radelte los. Immerhin galt es 128 km zu bewältigen ! Und sie schafften es. Reinhard, wir ziehen unsern Helm vor dir !

Sportlich und kostengünstig : ca. 120 km Tagesetappe und etwa 10 € Reisekosten pro Tag und Person. Das ist eine Möglichkeit.

Wir Mädels gönnten uns das andere Extrem : Wir planten drei Übernachtungen in Herbergen, die sich sicher spontan finden lassen würden. Und dazwischen schöne Strecken mit dem einen oder anderen touristischen Highlight, so daß wir pro Tag etwa 60 km zu bewältigen hätten.

Samstag sehr früh standen wir also mit relativ unbeladenen Räder am Bahnhof Oppum und fuhren erst mal nach Duisburg. Dort ergab sich die wirklich einzige Schwierigkeit unserer kompletten Reise : Der Zug nach Arnhem sollte planmäßig auf Gleis 10 fahren, angezeigt wurde aber 11 am gleichen Bahnsteig gegenüber … was sich drei Minuten vor Abfahrt in Gleis 13 änderte. Aber da unsere Taschen praktisch leer waren, schafften wir die Treppen ohne Probleme und waren sogar noch vor dem Zug am Gleis.

Auf der Fahrt nach Kopenhagen im Frühjahr hatten wir uns ja zu früh gefreut, und daher überlegten wir, mit dem Sekt erst anzustoßen, wenn wir im Zug nach Amsterdam säßen – aber da fiel mir ein, dass das Trinken von Alkohol in der Öffentlichkeit in den Niederlanden verboten ist. Der Zugbegleiter bestätigte das – und so „mußten“ wir das Zeug zügig vernichten. Hicks.

Im Gegensatz zu Reinhard haben wir von Amsterdam praktisch nichts gesehen. Direkt vor dem Hauptbahnhof legte unsere kostenfreie Fähre ab, und wir radelten zügig ins Industriegebiet, wo sich in irgend einem Hinterhof die Manufaktur Chocolatemakers Rodney en Enver befindet.

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©Annelie Wulff

Noch. Die neue Manufaktur ist schon im Bau, sie soll autark und direkt an einem für die Tres Hombres geeigneten Pier sein. Werden wir uns auf alle Fälle angucken. Daher sparten wir uns eine Führung diesmal, beluden die Räder und fuhren um die Ecke zum Expo-Café. Dort wird Tres Hombres Kaffee serviert, so kamen etwas später noch mehr Schokofahrer, sich dort zu stärken.

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©Annelie Wulff

Durch niedliche Sträßchen, die nichts von der Großstadt Amsterdam spüren ließen, radelten wir Richtung Südosten.

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Würden wir über die Schleuse fahren können ? Na, theoretisch schon. Das Schauspiel an der ersten Kammer guckten wir uns noch geduldig an …

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aber kaum konnten wir endlich drüber, fuhr ein großes Lastschiff in Schleuse 2 und wir hätten wieder warten müssen. Angesichts der unbekannten Anzahl an Kammern drehten wir dann doch lieber schnell um und radelten zur Brücke. Von dort konnten wir gut auf die Schleuse gucken, wir hatten da rechts beim roten Pfeil gewartet …

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Es war ja schon die vierte #Schokofahrt. Von daher gab es bereits mehrere bekannte Strecken. Ich hatte mich für eine Route entschieden, die uns über diese wunderbare Radlerbrücke führen würde.

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Wir radelten durch grüne Gefilde erst am Amsterdam-Rijnkanaal, dann am Muidertrekvaart entlang. Keine 10 km weiter lag Muiden, das Schloß soll das bekannteste der Niederlande sein. Da wollten wir natürlich wenigstens einen Blick drauf werfen. Mehr war auch tatsächlich nicht drin. Der Herr an der Kasse wollte mich nicht kostenfrei durchlassen, um für ein, zwei Fotos einen besseren Blickwinkel zu erreichen. Dann eben mit Zaun und Schild.

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Bestimmt war es unser Bio-Instinkt, der uns dieses der Lokale am Ufer der Vecht aussuchen ließ … 100 % natürliche Produkte, das paßt doch. Und lecker wars auch.

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Das Spektakel Drehbücke guckten wir uns nochmal an. An sich könnten wir das ja kennen, aber es ist schon Zufall, gerade dort zu sein, wenn die Krefelder Hafenbrücke von 1905 mal gedreht wird. Diese erheblich kleinere Variante in Muiden von 1870 dreht sich auch, wenn es gar nicht nötig ist.

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Wieder nur knapp 10 km weiter liegt die ehemalige Festungsstadt Naarden. Hier steht sozusagen die Wiege der Vereinigung Naturmonumente, dem wichtigsten Naturschutzbund der Niederlande. 1905 hatte Amsterdam den See Naardermeerwestlich des Ortes gekauft, um ihn als Mülldeponie zu nutzen. Naturfreunde schlossen sich zusammen, um das – erfolgreich – zu verhindern …

Wir radelten südlich weiter und konnten schon von weitem sehen, welch tolle Ausblicke sich uns gleich bieten würden, auch wenn die Westerheide schon verblüht ist.

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Eigentlich hatte ich ja geplant, in Soest eine Herberge zu suchen. Aber wir entschieden, bis Amersfoort zu radeln, da würde sich sicher etwas finden, wo wir auch den Abend verbringen könnten …

Mitte der Woche noch hatte ich mir einen Überblick verschaffen wollen, wo denn so an der Strecke Herbergen wären. Da war noch die Route über Utrecht geplant. Da fand sich aber nichts, einfach nichts und das lag nicht am Geld. Verflixt, ausgerechnet Sonntag fand dort der große Singelloop statt. Der älteste Straßenlauf der Niederlande, wichtig und mit entsprechender Beteiligung von Läufern aus nah und fern. Und die wollten natürlich nicht erst morgens anreisen … also plante ich die Route um über Amersfoort. Das liegt jetzt nicht so weit weg von Utrecht, die Voraussage verbesserte das nur geringfügig.

Und so radelten wir in die Stadt ohne die aus Deutschland gewohnten Hotelwegweiser zu finden. Am Bahnhof entdeckten wir auch keines der üblichen Hotels. So befragte ich Google und bekam genau zwei Möglichkeiten in der ganzen Stadt angezeigt. Eine war keine 400 m entfernt, also hin.

75 € pro Zimmer (es mußten zwei sein) plus Frühstück war nicht gerade günstig, aber da die Kirchturmuhr schon 19 Uhr geschlagen hatte … Die stellte sich als das geringere Problem heraus.

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Das Hotel steht direkt am Lieve Vrouwekerkhof, dem zentralen Platz in der Altstadt – und dort fand das Bockbierfest statt ! Den Eintritt dafür wollten wir nicht zahlen, wir setzten uns in den Außenbereich eines der zahlreichen Lokale. Dort darf man natürlich doch auch Alkohol trinken. Unser wohlverdientes Feierabend-Bierchen. Immerhin 60 km waren es geworden, und das obwohl wir erst mittags los geradelt waren.

Erstaunt stellten wir fest, dass es geregnet hatte, während wir im Restaurant noch einen heißen Kakao getrunken hatten. Die Feierwütigen hatte das allerdings nicht verjagt. Die störte auch nicht, als ihnen nachts gegen halb zwei die Stühle unter dem Hintern weggezogen und mit den Trennwänden lautstark zusammen gestellt und angekettet wurden.

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Erst so um 5 Uhr kehrte endlich Ruhe ein. Die gegen 7 Uhr von einem Laubbläser und um 8 Uhr von der Kehrmaschine unterbrochen wurde. Wie geschrieben, da fielen Kirchenglocke und die zwei Glockenspiele überhaupt nicht mehr auf ! Ein nicht zu schließendes Fenster direkt zum Platz hinaus und eine viel zu dicke Decke trugen das ihre bei zu dieser verkorksten Nacht für Ilona und mich. Annelie im Zimmer zur ruhigen Seitenstraße und mit geschlossenem Fenster dagegen hatte so gut geruht, dass sie fast verschlafen hätte.

Das Frühstück ist nicht der Erwähnung wert. Kein Waypoint für das Hotel !

Wir entschieden, den Tag entspannt anzugehen.

Gern hätten wir uns angesehen, wie eine Kirche ohne Schiff (das war von den Protestanten Ende des 18. Jahrhunderts als Lagerort für Schießpulver genutzt worden und explodiert) von innen aussieht – aber leider waren die Türen von Onze Lieve Vrouwetoren geschlossen – obwohl drinnen einen Gottesdienst stattfand.

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Also verließen wir den geografischen Mittelpunkt der Niederlande und radelten zumKoppelpoort, einem der alten Stadttore.

Vorher kurz rechts abgebogen findet sich dieses Postkartenmotiv : De Langegracht mitOnze-Lieve-Vrouwetoren. Was hatten wir doch ein Glück mit dem Wetter.

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©Annelie Wulff

Koppelpoort ist das nordwestliche Stadttor, wurde 1380 bis 1425 gebaut und nie gestürmt. Es sieht sowohl von der einen als auch von der anderen Seite

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beeindruckend aus – aber wo ich auf der Suche nach Infos die Nachtbilder sehe … da wäre ich besser mal auf nächtliche Foto-Pirsch gegangen statt eh nicht zu schlafen (schnüff traurig).

Annelie ging einen etwas größeren Bogen und brachte Bilder vom Mondriaan Tor mit.

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©Annelie Wulff

Falls sich jemand fragt, warum wir mit all der Schoki auf dem Buckel solche Ausflüge machten – taten wir nicht. Karton, Kühltasche und die anderen Pakete blieben auf den Rädern. Die stellten wir in den Schatten und gut war.

Ilona hatte uns von ihrem Traum ein paar Nächte zuvor erzählt : Jemand würde ihr Rad klauen mit allem drauf, das fände sich dann zwar wieder, auch alle Klamotten noch da, aber die Schoki weg. Natürlich wäre das echt ein Drama. Räder, Kleidung, Taschen, fast alles war monetär mehr wert als die paar Kilos Schokis – aber das wäre „nur“ unser persönlicher Verlust und relativ schnell ersetzbar. Nicht so die Schokolade. Aber wie so oft auf dieser Reise verließen wir uns auf das Gute, hier in unseren Mitmenschen.

Weitere Berichte der Fahrt von Kerstin findet ihr auf ihrem Blog!

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  1. Vielen Dank! Wollt ich nur sagen.

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